NEWSID: 427
Datum: 04.05.2023 - 00:00 Uhr | Niedersachsen

Schiedsrichter in der Kreisliga: Ein undankbarer Job oder wird auch hier gemauschelt?

Fußballer geht Schiedsrichter nach dem Spiel wegen Entscheidungen an - Auf Beleidigungen und Drohungen folgen Ängste - Schiedsrichter will nicht mehr alleine auf den Platz - Verein verurteilt Tumulte aufs Schärfste, betreibt aber natürlich auch Ursachenforschung - Vereinsspitze setzt auf Gleichberechtigung und fußballerische Perspektive - Doch die Auswirkungen, die ihn treffen schockieren gleichermaßen - Aufsichtsrätin stellt Frage in den Raum: "Was ist mit den Schiedsrichtern heutzutage los? Wo ist da noch die Neutralität?" - Sportlicher Vorstand sieht Grenze überschritten: "Es geht jetzt in die Richtung, dass Kinder von unseren Vereinen beleidigt werden. Was tragt ihr für Wappen. Da ist glaube ich jetzt gerade so eine Grenze erreicht, wo man sagen muss: Jetzt reicht es auch!"


Fußballer geht Schiedsrichter nach dem Spiel wegen Entscheidungen an - Auf Beleidigungen und Drohungen folgen Ängste - Schiedsrichter will nicht mehr alleine auf den Platz - Verein verurteilt Tumulte aufs Schärfste, betreibt aber natürlich auch Ursachenforschung - Vereinsspitze setzt auf Gleichberechtigung und fußballerische Perspektive - Doch die Auswirkungen, die ihn treffen schockieren gleichermaßen - Aufsichtsrätin stellt Frage in den Raum:

Datum: 04.05.2023 - 00:00 Uhr
Ort: Sillenstede / Landkreis Osnabrück / Niedersachsen

Das Spitzenspiel vom TuS Sillenstede gegen den SV Wilhelmshaven 2 in der zweiten Kreisliga am Wochenende. Ein hitziges Spiel zwischen den ersten beiden Plätzen mit einem Ende, das so nichts mit sportlicher Fairness zu tun hat. Doch nicht zwischen den beiden Vereinen, sondern zwischen Schiedsrichter Leon Jöstingmeier und dem SV Wilhelmshaven 2. 

Doch erst einmal der Blick zurück zum Spiel: Es gibt Karten, Spieler müssen gehen und dann zu Spielende, in der 90. Minute fällt das drei zu drei, Nachspielzeit. In der 96 Minute entscheidet Schiedsrichter Leon Jöstingsmeier einen Strafelfmeter für TuS Sillenstede - jedoch keine Einsicht vom SV Willhelmshafen 2. Es kommt, wie es kommen muss, TuS Sillenstede verwandelt den Elfmeter in ein Tor. 

Die Situation davor zwei Seiten, zwei Geschichten: Aus Sicht des Schiedsrichters absolut gerechtfertigt, aus Sicht des Sportlichen Leiters vom SV Willhelmshaven absolut ungerechtfertigt. Der Standpunkt von Schiedsrichter Jöstingsmeier ganz klar: "Ich musste ihn aber geben, weil der Torwart, den halt einfach runtergezogen hat am Bein und das ist ein ganz klarer Strafstoß dann". Anders hingegen die Meinung vom sportlichen Leiter Florian Schmitz: "Da gab es, auch nur, was ich erzählt bekommen habe, einen zweifelhaften Elfmeter, wo unser Torwart noch Tritte gegen den Kopf bekommen hat. Aber der Schiedsrichter hat einen strafbaren Strafstoß für Sillenstede gegeben". Auch Frauke Lohmann-Herrnberger, Aufsichtsratsvorsitzende vom SVW sieht es etwas anders als der Schiedsrichter: "Hier ging es in der neunten Minute darum, dass letztendlich ein Schiedsrichter einen Elfmeter gegeben hat. Ein kurioses, ich sage das jetzt einfach mal so frei heraus".

Szenen, wie sie überall vorkommen können und doch nicht so enden sollten. Der Vorwurf des Schiedsrichters - Bedrohung mit einer Flasche, Beleidigungen und Todesdrohungen: "Zu mir wurde gesagt Nazi, du Hurensohn, ich ficke dich, ich ficke deine Mutter, ich werde dich umbringen, wenn ich dich sehe, wirst du nicht mehr auftauchen". Dazu noch die Bedrohung mit einer Glasflasche, ein Schlag, den die Teamkollegen des Spielers verhindern. Keine einfache Situation aus dieser Sicht gesehen.

"Somit gab es dann nach dem Spiel leider die Tumulte, die wir natürlich aufs Schärfste verurteilen. Ja, wir sind eigentlich ja relativ forsch zu Werke gegangen, haben uns natürlich informiert, haben auch einen Tag gebraucht, um so ein bisschen Ursachenforschung zu betreiben, haben dann einen auserkoren, der tatsächlich diese Äußerungen getätigt haben. Diesen haben wir sofort aus der zweiten Mannschaft und aus dem Vereinsleben ausgeschlossen", so Florian Schmitz in seiner Funktion als Sportlicher Leiter des SV Wilhelmshaven. Hinzu kommt, die Aussage der Aussichtsrätin: "Letztendlich ging es darum, dass ja diese Attacke stattgefunden hat, in dem Sinne, wie wir die jetzt so nennen einen Angriff. Nur jetzt ist ja folgendes passiert, dass diese PET-Flasche, um die es ja geht, einmal nicht geworfen worden ist und die Spielkameraden auch ihren Mitspieler daran gehindert haben, damit eben nichts blödes passiert. Und jetzt so im Nachhinein stellt sich mir auch so die Frage: Okay, es war ja eine PET-Flasche, die erst einmal nicht geworfen worden ist. Daraus wurde jetzt eine Glasflasche. Ja, die wurde übrigens auch sowieso nicht geworfen, weil beides hat es in dem Sinne als Wurf gar nicht gegeben".

Die Fronten sind verhärtet, nach dem Vorfall. Florian Schmitz griff zum Telefonhörer und rief Schiedsrichter Leon Jöstingmeier an, um den direkten Kontakt zu suchen: "Dieses Gespräch ist mir leider nach 15 Sekunden direkt abgebrochen worden mit den Worten: Ich möchte mit Ihnen nicht kommunizieren. Danach bin ich noch mal bei gegangen und habe ihm eine WhatsApp geschrieben. Habe gesagt: Ich finde es schade, wie du auf meinen Anruf reagierst. Ich möchte dir nur von Vereinsseite jegliche Unterstützung zu sichern und dir sagen, dass wir gemeinsam mit dir gerne diesen Fall aufarbeiten wollen, damit so etwas nicht wieder vorkommt". Jöstingmeier selbst will das Gespräch gar nicht suchen, bis das Sportgericht entschieden hat. 

In der Region kocht der Streit auf ebenen hoch, auf die er nicht kommen sollte. "Ja, ich habe zum Beispiel heute ganze sieben Anrufe erhalten mit unterdrückten Nummern, wo man mich als homophob beleidigt hat. Ja, also ich bin jetzt nicht so sonderlich, dass ich mir das sonderlich zu Herzen nehme oder oder jetzt am Boden zerstört bin. Ich kann das schon relativ gut wegstecken, aber es geht jetzt in die Richtung, dass Kinder von unseren Vereinen beleidigt werden. Was tragt ihr für Wappen. Da ist glaube ich jetzt gerade so eine Grenze erreicht, wo man sagen muss: Jetzt reicht es auch.", so Schmitz.

Nur die Schiedsrichterdiskussion facht dies in mehrfacher Hinsicht wieder an - auf beiden Seiten. Jöstingsmeier zieht aus Angst seine Konsequenzen: "Für mich als Schiedsrichter geht es weiter jetzt, dass ich nur noch assistiere im Dreierteam. Im Team fühlt man sich immer sicherer, als man alleine auf dem Sportplatz steht. Und da habe ich für mich gefasst, dass ich für mich kein Spiel mehr alleine leiten werde, auch nicht im Team alleine, wenn ich der Hauptschiedsrichter bin, sondern nur als Assistent". Frauke Lohmann-Herrnberger stellt generell die Probleme in den Raum, die sich nach ihrem Empfinden gesteigert haben: "Wir wollen sportlich sein, wir wollen fair sein...Und das gehört auch dazu, dass Schiedsrichter sportlich und fair sind. [...] Mensch, das ist alles so zufällig und ich finde, hier sollte man langsam mal so in diese Richtung gehen: Was ist mit den Schiedsrichtern heutzutage los...Wo ist da noch die Neutralität, Fragezeichen, Fragezeichen, Fragezeichen...Und man darf sich das natürlich niemals gefallen lassen, dass hier der SVW jetzt als Täter dastehen soll, obwohl er in meinen Augen ein totales Opfer ist...Von einer generalisierten Stigmatisierung, was gar nicht geht mit diesem Shitstorm".

Denn sie prangert an: "Und dieser Schiedsrichter, der einen Lebensgefährten hat, der für den TuS Sillenstede tätig ist, über die Politik diesen Verein sehr unterstützt und der hat natürlich wahnsinniges Interesse daran, dass der TuS Sillenstede aufsteig. Ein ganz hitziges Thema, finde ich persönlich jetzt und ich traue mich auch, das so zu sagen. Und letztendlich jetzt dieser Schiedsrichter so psychisch am Boden ist, dass er total fertig ist. Ich sage es auch so, konnte aber am gleichen Tag nachmittags noch unterstützend Schiedsrichter tätig sein".

Bleibt abzuwarten, wie sich diese Situation entwickelt. Im Endeffekt stellt sich jedoch auch nach dieser Situation die Frage: Ist der Job des Schiedsrichters, nicht nur in der Kreisliga, ein undankbarer Job oder wird auch hier gemauschelt?

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